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Sechs weitere Stolpersteine verlegt


Am Samstag, 10. Februar 2024, wurden in Anwesenheit interessierter Bürgerinnen und Bürger auf Anregung von Stadtrat Rainer Baisch sechs weitere Stolpersteine im Stadtgebiet verlegt. Fünf von ihnen erinnern an Menschen, die in Heil- und Pflegeanstalten in Stetten im Remstal, Weissenau und Schussenried lebten, 1940 nach Grafeneck transportiert und im Rahmen der NS-Euthanasie dort ermordet wurden. Es sind Anna Schock, Marktstraße 53, ermordet am 29.10.1940 – Babette Mack, Gartenstraße 5, ermordet am 05.11.1940 – Reinhold Hähnle, Weinbergstraße 14, ermordet am 23.08.1940 – Leonhard Häußler, Sachsenstraße 26 (Sachsenhausen), 14.06.1940 – Margarete Ludwig, Stettbergstraße 39 (Burgberg), ermordet am 29.10.1940. Der sechste Stein gilt Frida Langer, Beim Kreuzstein 1. Sie hatte bei der Firma Steiff Puppen und Kleidung entworfen, in ihrer Freizeit Gedichte geschrieben und entzog sich der drohenden Deportation durch Freitod am 4. April 1942.

Gunter Demnig, Urheber der Stolpersteine, war auch diesmal vor Ort. Er habe die Steine, erklärte er, zunächst als konzeptuelles Kunstwerk gedacht: um an all diejenigen zu erinnern, die im Dritten Reich verfolgt, diskriminiert und ermordet wurden – Menschen mit einer geistigen oder körperlichen Behinderung, Juden, Sinti und Roma, politisch und religiös Verfolgte. Schnell sei er ermutigt worden, das Kunstwerk tatsächlich zu realisieren und ist nun seit Jahren dafür im Einsatz. „Im letzten Jahr haben wir in Nürnberg im Mai den 100.000 Stein verlegt, jetzt sind es über 105.000 Steine in 31 Ländern in Europa, überall dort, wo die deutsche Wehrmacht, die Nazis und Faschisten ihr Unwesen getrieben haben“, sagte der Künstler in Giengen. „Ich habe im Jahr 2014 die ‚Stiftung Spuren‘ gegründet, denn wir sammeln ja Spuren dieser Menschen und es werden Spuren verlegt.“ Er habe vermutet, mit steigender Zahl der Stolpersteine werde das öffentliche Interesse irgendwann abnehmen, aber das Gegenteil sei der Fall. „Auch das Interesse von Jugendlichen wächst. Für mich der Grund: Es muss weitergehen!“

Dr. Michael Benz, in Giengen zusammen mit Dr. Alexander Usler für das Projekt Stolpersteine verantwortlich, erläuterte die Vorgänge im abgelegenen Schloss Grafeneck. Während der Aktion T 4, von Adolf Hitler im November 1939 in Auftrag gegeben, wurden dort von Januar bis Dezember 1940 10.654 Menschen geistig behinderte oder psychisch kranke Menschen vergast. Heute besteht in Grafeneck eine Gedenkstätte, die 2023 rund 35.000 Menschen besuchten. Er merkte kritisch an, dass der Besuch durch Schülerinnen und Schüler aus Kostengründen nicht zum Regelprogramm in Baden-Württemberg zähle. „Mit der heutigen Verlegung sind alle Opfer, die bisher in Giengen und den Teilorten ermittelt werden konnten, mit einem Stolperstein bedacht. Die Forschung geht weiter: Es ist also durchaus denkbar, dass weitere Opfer eine Wiederaufnahme der Arbeit erforderlich machen.“

In Sachsenhausen schilderte der Neffe von Leonhard Häußler, dass sein Onkel, ein stattlicher Mann, in eine Eisenbahnwaggontür eingeklemmt worden sei. Er hat ihn selbst nicht mehr kennengelernt – klar war aber immer, dass man über das Schicksal des Onkels nicht sprechen durfte. „Er konnte doch wie die anderen Opfer nichts dafür, und trotzdem hat man ihn umgebracht. Uns sagte man, er sei in der Heilanstalt verstorben.“ Bei der Stolpersteinverlegung in Gedenken an Frida Langer war Monika Schrem anwesend; ihr Vater war der Freund des Bruders von Frida Langer, heute ist sie Eigentümerin des Hauses Beim Kreuzstein. Frida Langer wurde mehrmals inhaftiert – ihrem Lebensgefährten, einem deutschen Fabrikanten, wurde der Umgang mit ihr bzw. das Weiterführen der Hausgemeinschaft untersagt. Es gab erhebliche Repressalien der Stadt und der Stadtspitze. OB Dieter Henle entschuldigte sich daher bei der Verlegung gerade dieses Stolpersteins in aller Form für die Verfehlungen im Namen der Stadt. Monika Schrem hatte sich gewünscht, dass der Stein in der Vogelsangstraße beim damaligen Eingang verlegt wird, „auf dem Weg, den auch Frida Langer immer gegangen ist: „Wir können die Vergangenheit nicht mehr ändern, aber wir können es gemeinsam in der Zukunft besser machen.“

OB Dieter Henle betonte in seiner Ansprache: „Das international wachsende Gesamtkunstwerk der Stolpersteine gibt unzähligen Opfern des Nationalsozialismus – gepeinigten, getöteten Menschen – ihre Biografie zurück. Heute ist das wichtiger denn je: Wir haben in unserem Parlament wieder eine stark wachsende Partei, die offen die Vertreibung von Millionen Menschen mit Migrationshintergrund aus unserer Mitte propagiert, das Schicksal der Jüdinnen und Juden im Dritten Reich negiert und verspottet. Wir können nicht sagen, wir hätten nichts gewusst. Wir wissen es. Wir hören es. Wir sehen es. Nun endlich gehen Demokratinnen und Demokraten auf die Straße. In vielen Städten, immer wieder, in Kürze auch bei uns in Giengen. Wir sind die Mehrheit – wir Demokratinnen und Demokraten sehen die Gefahr von rechts und rütteln andere wach!“

Dem Künstler bescheinigte er, viel früher aufgestanden zu sein – gegen das Vergessen und damit für die Demokratie: „Sie tun es Tag für Tag“, lobte er und ergänzte ein Zitat des lateinamerikanischen Schriftsteller Eduardo Galeano: „‘Geschichte ist niemals stumm. Egal, wie sehr sie in Brand gesetzt oder kaputt gemacht wird, egal, wie viele Lügen erzählt werden, die menschliche Geschichte weigert sich, den Mund zu halten.‘ Unsere Stolpersteine beweisen genau das!“ In Kürze werden ein Faltblatt, eine Stele im Bereich der Schranne und eine visualisierte Übersicht über alle in Giengen verlegten Stolpersteine informieren.

  Zu jedem Opfer gibt es bewegende Geschichten zu erzählen, so wie hier beim Kreuzstein zu Frida Langer (von links): Dr. Michael Benz, OB Dieter Henle, Monika Schrem und Künstler Gunter Demnig.