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Über 900 Jahre Giengener Stadtgeschichte und doch ziemlich öde in Sachen Kunst im öffentlichen Raum. Giengen, eine Stadt mit vielen bekannten Firmen und damit vielen tätigen, arbeitsamen und fleißigen Bürgerinnen und Bürgern. Daneben - fast naturgesetzlich - kann die "nutzlose" Blume Kunst nur mühsam erblühen.
Nun trotzdem und trotz leerer Stadtkasse, haben sich 15 Damen zusammengetan, um mit Meister Braig eine gewaltige Aktion zu starten. Der Platz vor der neu renovierten Stadtmauer hat sich angeboten.
Zu Beginn standen einige wichtige Fragen:
Erste Entscheidung: Die Motive sollten möglichst verschieden sein. So hat jeder Betrachter die Möglichkeit, über etwas zu schimpfen und etwas anderes zu akzeptieren.
99 % der Bevölkerung hat sich nie mit künstlerischen Fragen befasst. Mit diesem Wissen müsste man die Finger von einem solchen Unternehmen lassen. Von der Mehrheit als Kunst anerkannt wird immer noch das naturnahe Abbild.
Bei der Planung und den Entwürfen musste mit einkalkuliert werden, dass die meisten Mitarbeiterinnen nie mit einer solchen Aufgabe betraut waren. Sie mussten Neuland betreten - das taten sie mit Selbstvertrauen und Begeisterung. Trotz vieler technischer Probleme hat es funktioniert!
Von Mitte Januar bis Mitte September 2004 wurden neun Skulpturen gefertigt. Der Zeitaufwand wurde notiert: Es waren 1.500 Stunden Arbeit.
Bei der Planung war zu entscheiden:
Es galt, mit verhältnismäßig wenig Aufwand viel optische Wirkung zu erreichen, auch durch die Größe.
Als Sockel wurden zwei genormte Kanalröhren aufeinander gestellt. Dann sollten Fertigbetonröhren die "Pfeifen" ergeben. Doch vom Grundriss her ging dieser Plan nicht auf.
So wurden im Sandbett halbe Röhren gegossen und am zentralen Zylinder angebracht. Für die Kugel wurde ein Gymnastikball als Kern verwendet und nach Aushärtung durch ein Loch entfernt.
Warum "Brenzorgel"? - Das Kind braucht einen Namen. Es bedarf keiner geschwollenen Übersetzung.
Das Ding soll einfach als buntes Etwas in der Landschaft betrachtet werden - so wie ein Vorhang oder eine bunte Krawatte.
Dieser Entwurf von der Künstlerin Anke Bosse verursacht die heftigsten Emotionen. Von heißer Zuwendung bis zur gehässigen Ablehnung. Vor allem die ältere Generation ist nicht imstande die Figur als farbige Abwechslung an der monotonen Stadtmauer zu sehen.
Es ist ein Kleid - ohne nackten Körper als Inhalt. Das sei eine Schande, so tönen die alten Damen - nicht wissend, dass die Welt ein Paradies wäre, gäbe es nur diese "Schweinerei"!
Die technischen Schwierigkeiten waren bei der Herstellung erheblich. Aus Sand wurde die Figur liegend modelliert. Darüber kam eine Schicht Beton. Darüber wurde in Streifen die Glasfasermatte gelegt und die letzte Betonschicht aufgetragen. Es brauchte Glück und Sorgfalt, um die schwere Figur aufzurichten ohne sie zu zerbrechen.
Achtzehn verschiedene, im Sandbett negativ geformte und ausgegossene Gesichter sind auf drei Stufen verteilt.
Ein Bilderbuch, das zum Rundgang einlädt. Je nach Stand der Sonne verändert sich die Tiefe des Reliefs. Um das Gewicht der oberen zwei Sechseckwürfel abzustützen wurden immer 24 stahlbewerte Stützen eingebaut.
Diese Erwähnung soll sagen, dass ein großer Teil des Arbeitsaufwands nicht sichtbar ist.
In Millionen von Jahren abgeschliffene Steine sind aufeinander gestellt. Die verschiedenen Ablagerungen sind durch die Malerei angedeutet.
Hauptursache für diesen Entwurf war die Neugier auf das Gelingen eines technischen Experiments. Auf einer Stahlbetonachse mussten die im komplizierten Hohlgussverfahren hergestellten Steine mit einem Kran von oben her eingesetzt werden.
Um das Gewicht abzufangen wurden die Steine immer jeweils mit je vier Stahlbetonstützen gesichert.
Die Maskenseite zeigt verschiedene Fratzen, die trotz Enge beziehungslos nebeneinander existieren.
Die Reliefseite zeigt auf drei Platten Ursache und Folge der "versteinerten" Gesellschaft: Seit Urzeiten werden Zeit, Geld und Erfindergeist eingesetzt zur Herstellung von Menschenvernichtungsgeräten. Die Gier nach Reichtum und Macht verursacht Unfreiheit. Volksvermögen, Kultur, Leben und Gesundheit - zerstört durch den Krieg. Und immer erst dann, wenn er vorbei ist, weiß man, dass er sinnlos war - bis zum nächsten Mal.
Siebzehn Teile wurden an diesem Platz zusammengefügt und vergossen. Die Fratzen sind mit Reliefplatten durch viele Stahlbetonstreben verbunden.
Dieser schwarze Tempel wurde in der Innenseite von der Künstlerin Ulrike Häußler mit großem Aufwand gestaltet. Das Spiegelmosaik erzeugt interessante Lichtbrechungen.
Dieser aus zwei Stufen bestehende Bau erinnert an eine exotische Kultstätte. Die strengen Muster der Außenseiten wurden in den nassen Formsand gedrückt, dann die Negative ausgegossen.
Die Komposition erinnert an eine Sanduhr, Symbol für die verrinnende Zeit. Vier große Gesichter bilden einen umgekehrten Kegel.
Der Trichter als Kopfbedeckung zeigt durch seine Lage, dass in diese Gehirne die Weisheit nicht eingegossen werden kann.
Eine durchgehende Stahlbetonachse stabilisiert die Skulptur zusätzlich. Die Masken wurden einzeln auf einem Sandmodell modelliert und mit Glasfasergewebe verstärkt. Danach wurden die vier Teile zusammengegossen.
Auf der Brenzseite sind ornamentale Kompositionen dargestellt. Schwingende Formen ohne Symbolik. Sie sollen nur von den Augen in den Bauch gehen. Nicht mehr - nicht weniger.
Die Straßenseite zeigt eine unwirkliche, surreale, von menschlichen Figuren belebte Architektur. Ein Hinweis auf die nicht vorhersehbare Zukunft.
Auf allen vier Tafeln versammeln sich naturalistische und surreale Gestalten, die zum Teil an heraldische Fabelwesen erinnern.
Diese beiden Skulpturen haben auch die Aufgabe, die Monotonie des Uferweges etwas zu unterbrechen.